Tunesien - Land und Menschen

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Mit Polizeieskorte ins Hotel (Berlin – Frankfurt – Tunis)

In diesem Blog geht es um einen adipösen Koffers, einen Kollegen, der auf dramatische Weise seine Reise unterbrechen musste und darum, wie wir von der Polizei ins Hotel eskortiert wurden. Er ist etwas länger, um die Reise mit all ihren Komplikationen schildern zu können

28. Februar, 18:12 Uhr, Flughafen Berlin-Brandenburg-International (BER)

Kurz vor dem Start erreiche ich als allerletzter Passagier das Flugzeug. An dem langen Schlauch, der Terminal und Flugzeug wie eine übergroße Nabelschnur verbindet, ruft mir eine Mitarbeiterin zu: Wollen Sie etwa nicht mitfliegen? Pass und Boardkarte kontrolliert sie schon gar nicht mehr. Sie lässt mich einfach durch. Im Flugzeug erfahre ich, das mein Name schon vier Mal ausgerufen worden ist. Dann wird der Passagierschlauch abgenabelt und wir starten. Auf meinem Fensterplatz kann ich mich etwas unter der Maske entspannen.Die Reise geht los. Sie wird mich von Berlin über Frankfurt nach Tunis führen. In meinem zusammengequetschten Handgepäck befinden sich ein paar Kleinigkeiten zu essen sowie vier einzelne, in Plastiktüten verpackte Schuhe. Sie schlummern während der Reise friedlich unter dem Sitz vor mir.

28. Februar 2021, 16:00 Uhr, Flughafen Berlin-Brandenburg International (BER)

Doch von Beginn an: gut zwei Stunden vor Abflug war ich am Lufthansa-Schalter. Zwei Flüge nach Frankfurt und Zürich und etwa 20 Personen warteten auf ihre Abfertigung. Die Kontrolle zog sich etwas in die Länge, da jeder Passagier verschiedene Dokumente und Corona-Tests vorzulegen hatte. Am Schalter angekommen, fehlte bei mir ein zusätzliches Einreiseformular für Tunesien. Ich fülle es online aus, da es die Angestellten nicht finden können.

Andere traf es schlimmer, denn am Abreisetag, dem 28. Februar 2021, hatten sich die Einreisebestimmungen für die Schweiz geändert. Man brauchte nun einen negativen Corona-Test, der nicht älter als 24 Stunden war. Hektische Rufe wurden laut. Ein paar Leute werden abgewiesen und nach Hause geschickt. Ein paar wedeln mit ihren nicht mehr gültigen Dokumenten in der Luft. Andere nehmen die Beine in die Hand, um sich an der Teststelle am Flughafen einen neuen Negativbescheid zu besorgen.

Ihr Koffer ist leider viel zu dick!

Als ich zum zweiten Mal am Schalter bin, stellt sich heraus, dass mein Koffer stark übergewichtig ist. Satte 40 Kilogramm bringt er auf die Waage. In ihm steckt alles, was ich für die nächsten Monate brauchen werde. Mehr als 32 kg transportiert jedoch keine Airline der Welt – aus Arbeitsschutzgründen. Bandscheiben und Rücken haben absoluten Vorrang vor den persönlichen Eitelkeiten der Passagiere. Ich versuche einen weiteren Koffer zu kaufen. Natürlich ist zu diesen Zeiten kein einziges Geschäft am Flughafen geöffnet. Auch der Zoll kann mir nicht mit leeren und großen Gegenständen weiterhelfen, die eventuell zurückgeblieben sind. Ich muss ich mich entscheiden: Was soll unbedingt mit? Womit füttere ich die Mülleimer am BER? Ich beginne Sachen wegzuwerfen, Kilo für Kilo. Dazwischen überprüfe ich immer wieder auf einem leeren Band das Gewicht des adipösen Koffers.

Ich gerate ins Schwitzen; die Zeit drängt. Was ich schließlich weggeworfen habe, weiß ich nicht mehr. Es müssen aber einige Kilo Wäsche gewesen sein. Auch ein Schlafsack. Zwei Mülleimer habe ich mit meinen Sachen vollgestopft. Vorher waren sie so gähnend leer und sauber wie fast der gesamte Flughafen, von dem an diesem Tag nur einige wenige Flugzeuge starten. Von ein paar Schuhen wollte ich mich nicht trennen und packe sie daher kurzerhand in meinen Rucksack, bis er sich kaum noch schließen lässt.

Ich gehe zum dritten Mal zum Schalter und werde vorgelassen, weil mein Flug bald startet. Die Angestellte hat Mitleid mit mir und berechnet nicht alles, was ich mitnehme. 30 Minuten muss ich noch am Sicherheitscheck warten. Dann suche ich in den leeren Gängen meinen Gate. Ich begegne dabei nur zwei Verkäuferinnen und 5000 glitzernden Kosmetikartikeln. Und der nervös auf und ab laufenden Angestellten vor dem Eingang zum Flugzeugschlauch.

28. Februar 2021, 18:15 Uhr, Flughafen Berlin-Brandenburg International (BER) / 21:00 Uhr Flughafen Frankfurt

Es ist 18:15 Uhr, die Nacht ist hereingebrochen. Blassgelb und tief hängt der letzte Wintervollmond über dem Rollfeld, fast zum Greifen nah. Der Himmel ist intensiv hellrot, ein Breitband, das sich über den ganzen Horizont erstreckt. Ich fliege mit einem neuen Kollegen, muss ihn aber wegen dringender Familienangelegenheiten schon in Frankfurt verabschieden. Seine Schwester liegt seit zwei Wochen schwerkrank auf der Intensivstation. Sie ist 33 Jahre alt. Das Corona-Virus hat sie erwischt, Organversagen setzt ein. Die Ärzte haben die Familie alarmiert. Die Mutter ist schon dort, Bruder und Vater machen sich an diesem Abend auf den Weg.

Nun bin ich allein. Auch in Frankfurt ist der Flughafen fast leer. Das Fernsehen berichtet, dass in Pompeji ein römischer Wagen gefunden wurde. Bürsten und Pinsel befreien ihn von Asche und Erde. Im Fernsehen sieht man nur die Hände und Unterarme, die diese Arbeit ausführen. Hoffen wir auf die Wiederaufstehung von den Toten. Der Vulkan Ätna brodelt und spuckt in diesen Februartagen. Ich frage darum den Piloten, ob wir Sizilien auf dem Flug über das Mittelmeer passieren. Doch leider nehmen wir eine andere Route.

1. März, 1:00 Uhr, Flughafen Tunis

Um ein Uhr landen wir verspätet in Tunis. Um drei Uhr bin ich endlich im Hotel. Wieder bin ich der allerletzte, der in den Hotel-Konvoi einsteigt. Doch diesmal liegt es nicht an mir. Zuerst kontrollieren uns Medizinstudenten und der tunesische Zoll. 40 Minuten vergehen an der Gepäckreklamation, denn einer meiner Koffer fehlt.

Vor mir ist noch ein Mann mit seinem Sohn an der Reihe, der seinem Ärger über die deutsche Lufthansa Luft macht. So viel verstehe ich ohne alle Arabisch-Kenntnisse. In aller Ruhe tippt der Beamte an der Reklamation alle Informationen in sein System, wozu er ausschließlich den rechten Zeigefinger benutzt. 20 Minuten braucht er dafür pro Beschwerde. Seine beiden Kolleginnen, denen ich Tage später beim Abholen des Koffers am selben Schalter begegne, sind viel geschickter und schneller.

Mit Polizei-Eskorte ins Hotel

2:30 Uhr sind am Flughafen schließlich außer mir nur noch die Beamten und Medizinstudenten. Den Weg nach draußen erfrage ich. Neben dem Rollfeld warten etwa 10 große und kleine Hotel-Busse und normale Taxis, in die alle Passagiere der Maschine verfrachtet werden. Niemand, der einreist, soll in den ersten Tagen Kontakt zu Einheimischen haben: das ist eine lokale Vorschrift. Bis wir aus dem Flughafen heraus sind, vergehen weitere 20 Minuten. Natürlich hat der Chauffeur in unserem Taxi-PKW keine Maske auf, doch das ist das geringste Problem an diesem Abend.

Wir sind zu viert, ich sitze auf dem Vordersitz. Dann setzt sich die Kolonne in Gang, am Anfang und am Ende von Polizeiautos eskortiert. Majestätisch rollen wir über die nächtlichen Straßen der Stadt. Fast keine Autos sind zu sehen. Niemand versperrt uns den Weg. Von außen sieht es aus wie bei einem Staatsakt oder einem Gefangenentransport. Nach 5 Minuten stoppt der Konvoi an einer Kreuzung. Lässig hupend winkt mein Fahrer dem ersten Polizei-Auto zu und schwenkt nach rechts zu unserem Hotel ab. Ich bin der erste, der einchecken kann. Eine knapp 9-tägige Quarantäne wartet auf mich.

Im nächsten Blog schreibe darüber wie ich eine Wohnung gefunden habe. Und darüber, dass ich eine Gurke entdeckt habe, die wie eine Brezel geformt ist.

Neue Fotos sind in der Galerie. Wenn ihr Fragen oder Anmerkungen habt, schreibt sie in den Kommentar-Bereich oder sendet eine E-Mail an:

mail@tunesischesseepferdchen

  1. Udo

    Coole Story, sehr schöner Stil, Matthias
    LG, bleib gesund. Udo

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