Tunesien - Land und Menschen

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Wo alles ins Blau strömt – Sidi Bou Saïd

Wo alles ins Blau strömt – Sidi Bou Saïd

Die Sonne hat an diesem Apriltag schon hautverbrennungsverdächtige Temperaturen erreicht. Besonders für eine Weißhaut wie mich. Die Feldwege sind noch lehmig. Wegbreite Pfützen machen sich Platz und zwingen zu Umwegen. Gestern hat es lange geregnet. Ein junges Pärchen steigt aus dem Golf und klettert zwischen den frei zugänglichen Ruinen einer großen Basilika herum. Was mir auffällt, denn die meisten Einheimischen lassen die punischen und römischen Überreste sonst eher unbeachtet am Straßenrand liegen. Mitten im Ramadan sind fast alle Cafés und Restaurants geschlossen. Ich stelle mich auf ein paar Stunden ohne Essen und Trinken ein.

Basilika mit Moschee im Hintergrund

Mein heutiger Startpunkt ist die direkt daneben gelegene Malek Ibn-Mosche, deren Turm weithin sichtbar auf einem Hügel an den Wolken kratzt. Ich habe noch niemanden dort hineingehen oder herauskommen sehen. Bis hierhin hat mich ein Taxi gebracht, das wie viele in Tunesien schon bessere Tage gesehen hat. Hier oben sieht die Stadt großzügig und aufgeräumt aus. Zwischen den Vororten liegen Felder. Mein Weg führt zunächst zur Basilika, dann zum Bahnhof „Carthage Pŕesidence“.

Bahnhof „Carthage Présidence“

Wie der Name schon verrät, liegt unweit davon der tunesische Präsidentenpalast, wo Staatsempfänge stattfinden. Doch der interessiert mich heute nicht. Die 19 Kilometer lange städtische Bahnlinie Tunis Marine führt vom blau-weißen Vorort bis ins Stadtzentrum. Die Tickets an den weiß-blauen Bahnhöfen kosten Spottpreise. Zweimal höre ich den Zug pfeifen.

Hinter dem Bahnhof trennen sich die wohlhabenden Viertel Carthage und nach Sidi Bou Saïd, wohin ich den Weg einschlage. Vorher mache ich noch einen Abstecher zu einer weiteren antiken Basilika (Basilique de Saint-Cyprien), deren Zugang gesperrt ist.

Blick durch eine vergitterte Tür auf die Basilique de Saint Cyprien

An diesem Tag im Ramadan werde ich zum ersten Mal vielen Touristen begegnen (einige wenige saßen in Hammamet in einem Strandlokal → ). Zwei Italienern, die in der Basilika lautstark von „Roma Africanorum“, der römischen Metropolo Karthogo und dem römischen Kulturimperium des Mittelmeerraums schwadronieren. Zwei Chinesen, die auf dem paradieschen Hügel in Sidi Bou Said ihre Smartphones lautstark fotografieren lassen. Und ganz vielen Einheimischen in Sidi Bou Said, alle ohne Blick auf die Uhr beim Samstagsbummel unterwegs.

Post in Sidi Bou Saïd

Die Zigarette danach

Für die beiden Chinesen hingegen ist der Blick der Kamera wichtiger als der des eigenen Auges. Noch ehe sie in Ruhe auf dem paradiesischen Hügel vor den Toren von Tunis ihren Standpunkt bezogen haben, fotografieren sie sekundenschnell das Panorama. Klick, klick, klick, klick, klick. Es ist ihre erste touristische Amtshandlung. Ihre Handys verschlingen die Landschaft, ohne zu genießen und zu verdauen. Nach ein paar Minuten packen sie die Handys ein. Einer der beiden Männer fragt auf Französisch alle Anwesenden nach einem Feuerzeug, um sich eine Zigarette anzuzünden – als bräuchte er diese eine Zigarette nach dem Foto-Quickie; ich verweise sie auf die geöffneten Souvenirläden, danach verschwinden beide, grußlos eilend.

Alle anderen stehen und sitzen, ins Blau und in den Horizont versunken, der den ganzen Golf von Tunis einfasst. Die Landschaft zwingt zur Betrachtung, das zweifache Blau des Meers, türkis am Küstenstreifen und dunkelblau an den tieferen Stellen, dazu das andere Blau des Himmels, das darüber schwebt. Auf der anderen Seite des Golfs von Tunis kann man, 20 Kilometer Luftlinie entfernt, die Stadt Korbous erkennen: sie liegt schon am ‚Schnabel‘ des tunesischen Seepferdchens, einem großer Landstreifen, der weit ins Meer ragt – etwa 90-100 Kilometer lang und 30-40 Kilometer breit.

Blick auf den Hafen von Sidi Bou Saïd

Roter Felsen, türkisblaues Meer

Das Dorf Sidi Bou Saïd liegt auf einem roten Felsen. Unten ist der Hafen, an der Küste schließen sich zwei kleine Strandstreifen an. An den Hängen des Hügels liegen Villen und Hotels, auch ein riesiger unfertiger Hotelkomplex, Betonskelette mit hunderten hohlen Fenstern. Vom Felsen hat man den ganzen Golf im Blick, viele Gruppen und Pärchen sind extra für diesen Ausblick mit dem Auto angereist.

Vom Hügel steige ich den Serpentinenweg zum Hafen hinunter. Kleine Fischerboote sind zu sehen. Auch der Strand ist bevölkert.

Es ist schon Nachmittag und ich bin erschöpft vom stundenlangen Laufen. Verbrannt von der Sonne, schleiche ich vom Strand die Hügel herauf, die spärlichen Schatten zwischen den Bäumen und Ananas-Palmen suchend. Ich merke, dass ich schon viel zu lange in der prallen Sonne unterwegs war.

Eine ‚Ananas‘-Palme, ein Straßenbaum, den man häufiger sieht

Als ich an der Grenze von Sidi Bou Saïd und Carthage angekommen bin, winke ich ein Taxi, das mich schnell nach Hause bringt. Es dauert nicht mehr als 15 Minuten. Dort angekommen, stürze ich mich auf den Kühlschrank und die Wasserflasche. Abends spannt meine Haut und mein sonnenverbranntes Gesicht grüßt aus dem Badezimmerspiegel. Stirn und Nase sind jetzt ungefähr so rot wie die Felsen von Sidi Bou Saïd.

Wenn ihr Fragen, Anmerkungen oder Themenvorschläge habt, schreibt sie in den Kommentar-Bereich oder sendet eine E-Mail an:

mail@tunesischesseepferdchen.de

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