Tunesien - Land und Menschen

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Ein Seepferdchen und ein brummendes Duett

Tunis, Les Berges du Lac, Hotel Lac Léman, 9 mars, 9:40h et 20:50h

Ein schwangerer Bauch

Ich wohne im Land, das wie ein Seepferdchen aussieht. Im Auge des Seepferdchens, um genau zu sein. Wenn ihr die Umrisse des Landes auf der Karte in Ruhe betrachtet, den prall hervorstehenden Bauch des Seepferdchens gefunden habt, seinen geringelten Schwanz und schließlich auch die keck hervorstehende, stark aufwärts gerichtete Schnauze – dann werdet ihr auch den roten Punkt in der Nähe des Schnäuzchens entdecken. Nun seid ihr schon beim Kopf dieses Landes. Tunesien ähnelt, wie das vertikal schwimmende Seepferdchen, im oberen Teil einem Pferd und im unteren einem etwas schwerfälligen Wurm. Und zusammengenommen einem schwangeren Knochenfisch.

Ganz oben am ,Kopf‘, im nördlichsten Landesteil liegt die Küstenstadt Bizerte. Diese Region ist bergig und grün bewachsen. Die geographische ‚Schnauze‘ zeigt, anders als in der Natur, nach oben. Der ‚Bauch‘ reicht von den kleinen Orten Hergla bis Skhira und erstreckt sich über grob geschätzte (!) 250-300 Kilometer Küstenlinie erstrecken: Er sieht gut gefüllt und schwanger aus. Der südliche Teil, das ‚Schwanzende‘ ist sandig; hier endet die Vegetation und die Wüste beginnt.

Im Auge von Tunis

Das rote Karten-Auge ist Tunis, zugleich die größte Stadt dieses Landes. Sie schaut mit ihrem Golf Richtung Sizilien, nach Palermo und vielleicht in noch weitere Ferne. So wie das alte Reich der Karthager sich zum Mittelmeer orientierte. In unmittelbarer Nähe dieses Meeres liegt auch der internationale Flughafen, den Millionen Gäste jedes Jahr frequentieren.Von meinem Hotelfenster aus kann ich gut die startenden Flugzeuge sehen.

Carthage (Karthago) ist heute ein etwas teurerer Vorort von Tunis; residieren kann man auch in den Jardins de Carthages, einem Stadtteil mit klangvollem Namen und dem blumigen weiten Duft der Antike. Frühlingsblüher wachsen hier genau so bunt und fröhlich aus von der Stadt aufgestellten Kübeln wie der Müll aus den Mülltonnen. Er quillt auf den Asphalt und die Trottoirs, einen Trittpfad aus Beton und Steinen, der schwankt und löchrig ist, in jeder Straße eine andere Wendung nimmt und andere Höhenreliefs hat. Und ich wohne im Viertel mit den meisten Luxusboutiquen und Diplomaten des ganzen Landes. Zugegeben, in der 15 Taxi-Minuten entfernten Innenstadt läuft es sich besser.

Tunis schaut nicht nur nach golfwärts nach Nordosten, sondern wendet seinen Blick auch auf das ganze Land, dessen Namen sich von der Hauptstadt ableitet. Beobachtet wird das Land zum einen von den Hauptstadtzeitungen. Zum anderen von den vielen Botschaften, die von hier aus Kommuniqués und Berichte in ihre Heimatländer schicken. Die argentinische hat aktuell eine schwarze Trauer-Fahne mit einem stilisierten Diego-Maradona-Foto an den schmiedeeisernen Balkon gehängt. Auf dem Foto schließt die frühere Nummer 10 die Augen, um sich ganz darauf zu konzentrieren, den goldenen Weltpokal zu küssen. Darüber steht „Merci, Diego 1960-2020“.

Mit Erinnerungsfoto an Diego Armando Maradona

Unter ökonomischen und politischen Aspekten wird das Geschehen im Land auch von den zahlreichen großen, nationalen und internationalen Firmen unter die Lupe genommen, die hier ihren Hauptsitz aufgeschlagen haben, um Jahreszahlen und Bilanzen aufstellen. Und natürlich, in politischer Hinsicht, von Regierung und Parlament, die auf das tunesische Volk schauen.

Ein brummendes Duett

Seit 9 Tagen wohne ich hier. Im Februar bin ich losgeflogen, im März angekommen. Über eine Woche musste ich in Quarantäne mit einem meiner Koffer verbringen. Der andere war in Berlin beim Umschlagen steckengeblieben. Zuverlässig wird dreimal das Essen von der Fütterungscrew  serviert. Zu sehen bekam ich in der ersten Woche nur einen Ausblick auf den Hinterhof und die Dächer des Hotels, das ziemlich groß und weitläufig bebaut ist.

9 Tage der Blick aus dem Hotelzimmer

Nachts brummt zuverlässig ein riesiger Generator im Innenhof, der von den vier Flügeln des Hotels umgeben ist. Direkt draußen vor meinem Fenster. Öffne ich sie nur einen Spalt, wird das Brummen zu manchen Zeiten ohrenbetäubend wie der Schiffsdiesel einer großen Personenfähre. Bleiben die Fenster geschlossen, sind die lärmenden Windmacher trotzdem zu hören. Aufgeblasene Maschinen!

Das Zimmer

Den Kühlschrank in meinem Zimmer überbekommt öfter Lust, mitzubrummen und mitzudröhnen. Nun, es ist ein ungleiches Duett‘ drinnen und draußen. Aber zumindest letzte Nacht habe ich gut geschlafen. Heute ist der erste quarantänefreie Tag und der erste Bericht dieses Blogs.

Das nächste Mal werde ich darüber berichten, wie ich inmitten der Pandemie von Berlin hierher gekommen bin. Wenn ihr Fragen oder Kommentare habt, schreibt sie in den Kommentarbereich oder schickt mir eine E-Mail!

mail@tunesischesseepferdchen.de

  1. Hana

    have a blast time in Tunis!
    gruß aus berliner seepferdchen :p

  2. Laura

    Hallo Seepferdchen, spannender blog! Und Berichte, die Fernweh und Freude an Farben stillen, wenn’s Leben stagniert. Naja, noch.
    Sind Sie nur touristisch unterwegs oder auch beruflich?
    Viele Grüße von Laura

    • Kommentar des Beitrags-Autors

      Danke! Beides, unter der Woche arbeite ich, am Wochenende habe ich Zeit umherzureisen. Das Land ist nicht so riesengroß, und mit dem Minibus-System oder auch Zug kann man viele Dinge entdecken. Etwas weiter weg sind Djerba (mit dem Flugzeug erreichbar) und die Wüste im Süden. Viele Grüße zurück aus Tunis!

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